Skripal – Ende einer Verschwörungstheorie

(Fortsetzung)

Die im letzten Eintrag eingeführten hypothetischen Injektionsspuren müsste ich jetzt gegen alle Spuren und Vorgänge nach Einlieferung der Skripals im Bezirkskrankenhaus halten, wollte ich sie rechtfertigen. Das kann ich nicht, selbst ein ein Team würde dazu Wochen brauchen und Zugänge, die ich nicht habe.

Ich kann jedoch rechtfertigen, Ockhams Messer an der Wendung anzusetzen, die der Fall nahm, als das National Counter Terrorism Policing Network (NCTPN) ihn der MET übergab und Innenminister Amber Rudd die politische Dimension dieser Entscheidung verkündete, die seither verbindlich blieb. Ich wiederhole:

On 6 March, it was agreed under the National Counter Terrorism Policing Network that the Counter Terrorism Command based within the Metropolitan Police would take over the investigation from Wiltshire Police. (…)  Rudd said the samples of the nerve agent used in the attack had been tested at the Defence Science and Technology Laboratory at Porton Down and was a „very rare“ poison.[28]

Ab der Frühschicht des 6. März kamen der Vergiftung der Skripals mit einem „unknown, very rare poison“ (UVRP) für das Klinikpersonal hypothetische Injektionsspuren abhanden, die es zuvor gegeben haben kann.

Man darf davon ausgehen, daß der Unterschied der Versionen in der Falldokumentation unauffällig geblieben wäre. Hier kommen wieder die Verdachtsdiagnose Opiatvergiftung und die Rolle Colonel McCourts‘ ins Bild. Wenn McCourt den Verdacht mit dem Verweis auf frische Injektionsspuren untermauern konnte, hat das die Sanitäter angesichts des kritischen Zustandes der Patienten geradezu verpflichtet, verfügbare entlastende Mittel zu spritzen, von denen sie annehmen durften, daß sie nicht schaden. Darauf hätte der Versionsunterschied nurmehr in der Anzahl der Injektionsspuren bestanden, die im Papertrail händisch zu überprüfen wäre.

Was wir suchen müssen, um hypothetische Injektionen zu untermauern, sind Negativspuren; Lücken, Wahrscheinlichkeits- und Plausibilitätssenken. Ich habe in den früheren Einträgen schon etliche erwähnt, die mich auf die Hypothese führten. Unter der Hypothese führe ich jetzt eine auf, die ich strategisch ausgelassen hatte:

Mit welcher Autorität soll MI6 in den medizinischen „Fall Skripal“ hinein regiert haben können, bevor ein „Novichok“ o.ä. existierte?

Und wir haben mit politischer Rücksicht zu ergänzen: bevor Hexenkralle erschaffen wurde. Jenes Gebräu, das Theresa May erst 6 Tage später mit „highly likely Russia“ auf die Welt bringen sollte. Der Independent betonte:

It comes after Ms May was briefed in Downing Street by police and intelligence chiefs on the latest developments in the case at a meeting of the National Security Council (NSC).

Der Leser soll wissen, daß die Entscheidungen über diplomatische und außenpolitische Konsequenzen zu diesem Zeitpunkt vorlagen, doch den militärischen Instituten die Entscheidung oblag, ob und wann sie wirksam werden konnten.

Ich fürchte, ich habe mit Rücksicht auf eine notorische, vorsätzliche Ignoranz in den Kreisen der Kollegen Verschwörungstheoretiker einen Theoriesplitter einzufügen:
Es kann nicht anders laufen, als daß Entscheidungen, die über Vorgänge gebieten, zu deren Kernbestand Angelegenheiten zählen, über die militärische und geheimdienstliche Stellen administrativ verfügen, in erster Instanz von Letzteren getroffen werden. Politische Stellen können das im Konfliktfall erst an sich ziehen, nachdem sie eine militärische Verwaltung in ihrem Sinne personell und organisatorisch unterlaufen haben – das dauert.

Folglich stand eine militärpolitische Entscheidung über die Skripals am 6. März noch eine Woche aus. Wiederum: Mit welcher Autorität …?
Ja, ich weiß sehr gut, abgesehen vom peinlichen Verhör besitzen MI6 und Metropolitan Police alle Freiheiten einer Gestapo, aber im Falle internationaler Verwicklungen liegt diese Freiheit an hoher, wenn nicht oberster Stelle.

Zeit, die Frage umzudrehen: Warum hat die Klinikführung den eierköpfigen Killerdoggen nicht die Tür gewiesen?

Und wieder muß ich ein verbreitetes verschwörungstheoretisches Vorurteil zurück weisen, das in der Maxime besteht, im Zweifelsfall seien verwickelte nach- und nebengeordnete Autoritäten als Schweine ersten Grades zu betrachten, die aufgrund aller erdenklicher übler bis teuflischer Eigenschaften und Kalküle tun, was ihnen von den jeweils anvisierten Oberbösewichten gesagt wird.
Das Vorurteil führt selbstredend nicht immer in die Irre, doch ihm steht das Faktum entgegen – nebst einschlägiger historischer Erfahrung – daß, je autoritärer, militaristischer und faschistischer ein Regime wird, desto stärker Reibungsverluste zu Buche stehen, die daher rühren, daß dies jede administrative Stelle mit derselben – derselben! – autoritativen Gewaltsamkeit darauf verpflichtet, auf die eigene Dienstpflicht, und damit die eigene Autorität und Handlungsfreiheit zu halten.

Woraus für unseren Fall folgt: Gerade weil der MI6 sich zu einer Zeit einschaltete, als er erst eine spezifische und beschränkte Autorität geltend machen konnte, hat vom 5. auf den 6. März – und weniger streng noch bis zum 10. März – für sein Verhältnis zur Klinik gegolten, was für jede polizeiliche Stelle gilt, wenn einer ihrer Klienten dort landet:
Der „Fall Skripal“, den MI6 in Arbeit gehabt hatte, endete für die Verletzten mit der Einlieferung in die Klinik bis zu einem Zeitpunkt, da die medizinische Leiterin, Frau Blanshard, sie für vernehmungsfähig erklären werde.

Doch wir müssen aus dem BBC-Video schließen, dem war nicht so. Es erzählt unter Mitwirkung des medizinischen Personals von einer Art bedingter Krisenstabsrolle des MI6 oder einer anderen, ihm nebengeordneten Autorität.
An dieser Stelle setze ich meine hypothetischen Injektionsspuren ein und folgere: Diese Autorität war medizinischer Natur, sie hatte etwas zu den Injektionen zu erzählen.

Die Überlegung taucht zumindest mir die Parkbank mit den zusammen gesunkenen Skripals, vor ihnen die Gestalt der Alison McCourt, in ein Flutlicht. In dem paßt ein großer Teil dessen, was später geschah, zu dem, was da einfach zu sehen ist: Eine Nothilfe. Es kleidet eine Ausgeburt der Hölle in ein Engelsgewand. Colonel McCourt hat doch den Skripals das Leben gerettet, oder etwa nicht?

Im Licht meiner hypothetischen Injektionsspuren fallen für mich noch viel mehr Puzzlesteine an einen passenden Platz, die ich in den letzten Einträgen Ockhams Messer anheim fallen ließ. Eigens erwähnen will ich die Irrlichter der Rolle von Sgt. Bailey in der Affäre. Rob Slane hat zu Recht darauf hin gewiesen, wenn man die Lücken, Unklarheiten, Widersprüche, die sich an der Berichterstattung um seine Rolle und sein Schicksal auftun, aufklären könnte, halte man voraussichtlich den Schlüssel zum Hauptgebäude der Affäre in der Hand. Meine Darlegung sollte einiges dafür leisten, aber das zähle ich nicht mehr zu dem, was ich leisten will.

Deshalb kleide ich das Ende meines Beitrages in ein fiktives Telephonat:

Blanshard: Ja, bitte?

McCourt:
Frau Doktor, COLONEL A L MCCOURT OBE ARRC QHN spricht, verzeihen Sie, daß ich auf Förmlichkeiten verzichten muß, es handelt sich um einen Notfall, in dem ich Sie um eine diskrete Kooperation mit Armee- und Regierungsstellen bitten muß. Sie werden in wenigen Minuten einen Anruf aus dem Innenministerium erhalten, der meine Angaben stützt.
Im Vertrauen möchte ich Ihnen sagen, es ist eine schreckliche Lage entstanden, die (zensiert) völlig, absolut verbockt hat und nun haben wir eine Gefahr für die Nationale Sicherheit. Folgendes ist jetzt zwingend erforderlich … (zensiert) … So werden Sie die Patienten hoffentlich stabilisieren können. Ich werde mich wieder bei Ihnen melden, sobald ich Rücksprache mit den Leuten vom NCTPN gehalten habe.

Es sollte jedenfalls zur Aufklärung der Phase 1 der Affäre beitragen. Inwieweit es auch Belang für Phase 2 hat, die mit Hexenkralle beginnt, weiß ich nicht und mag auch nicht darüber nachdenken. Im Übergang der Phasen endet für mich die aufklärerische Funktion von Verschwörungstheorie.

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