Neues zu Julia und Sergej Skripal

Dr. Christine Blanshard, medizinische Leiterin des Bezirkskrankenhaus Salisbury, die, wie ich annehme, verhindert hat, daß die Skripals fatal vergiftet wurden.

John Helmer hat in einem Blogpost von heute Zeugnisse und Dokumente vorgelegt, die konkretisieren, was ich kürzlich über die Rolle von „Novichok“ in der Affäre Skripal schrieb.
Untenstehendes faßt das Wesentliche zusammen, ohne die Kenntnisnahme der beiden Einträge zu erübrigen, die Mitteilungen zu Umgebungsbedingungen und -variablen enthalten.

Der britische Geheimdienst deklarierte die Skripals zu Opfern eines Giftanschlages, ohne daß Untersuchungsergebnisse vorlagen, die es untermauern oder bestätigen konnten.

Das geschah am Montag, den 5.3.’18, zwischen 7:30 und 10:00 Uhr, 16 -18 Std. nach Einlieferung der Skripals, gemäß öffentlicher Stellungnahme der Geschäftsführerin des Bezirkskrankenhauses Salisbury, Cara Charles-Barks. Der Zeitpunkt ist in einem Filmbeitrag der BBC Mai/18 dokumentiert. Helmer:

 “We then had a briefing as a group of executives and that was by 7:30, 8 am in the morning [Monday March 5] to get an update on what was happening. And then by 10 am on that Monday morning it had been declared an external incident, and of course we started working with the multi agencies.” Charles-Barks doesn’t reveal who gave the early morning Monday briefing, nor does she acknowledge that when “it had been declared an external incident”, she meant, not the hospital staff or hospital management, but the “multi agencies” – the Secret Intelligence Service, the Ministry of Defence, and the British Government.

Aus demselben Film stammt das Zeugnis der Leitenden Schwester, Lorna Wilkinson,  erst am Dienstag, dem 6.3., sei bekannt geworden, daß man es mit einer Vergiftung durch einen Cholinesterase-Hemmer zu tun zu habe. Helmer:

Lorna Wilkinson, Director of Nursing, says in the film it wasn’t until another day later, on Tuesday March 6, that “by tests and various diagnostics that we were running, that’s where it became apparent that we were looking at acholinesterase inhibition, and therefore what did we deduce from that. And that was really when the question started to arise as to whether this was some kind of nerve agent.”

Wilkinsons Verweis auf „various diagnostics that we were running“ ist zu vage, um sie Eigenuntersuchungen sicher zuzuordnen, er kann externe Labore und selbst Porton Down einbeziehen. Dr. Blanshard lag allerdings merklich daran, fest zu halten, daß es im Rahmen der diagnostischen Möglichkeiten der Klinik lag, eine Vergiftung mit einem Cholinesterasehemmer zu ermitteln:

“Whilst a district general hospital laboratory cannot test specifically for a nerve agent, we are able to request tests for the effects of the nerve agent so we can measure acholinesterase levels and see whether they have been affected. And it was our colleagues in Porton Down that helped us with the testing.”

Die Klinik konnte feststellen, daß eine Cholinesterase-Hemmung vorlag, und sie konnte ihr Ausmaß bestimmen, was eine erste Eingrenzung der Herkunft zuläßt.
Das versteht sich übrigens von selbst. Bestimmte Rattengifte, die m.W. nicht mehr zum Verkauf stehen, aber noch zirkulieren, enthalten ein Gift aus der Gattung Cholinesterasehemmer, und es gibt eine Reihe von Agrarischen Giften, die eine solche Hemmung verursachen. Sie sind aktuell die häufigste Quelle unabsichtlicher und suizidaler Vergiftungen dieser Art.

Die Klinikärzte haben anfangs nicht in Betracht gezogen, daß eine solche Vergiftung vorliegen könnte. Warum nicht? Eine erste, nicht hinreichende Auskunft darüber gibt Oberschwester Sarah Clark, die zur Zeit der Einlieferung der Skripals Schichtleiterin der Intensivstation war:

We were led to believe, they had taken an overdose, so there was no indication of nerve agent poisoning

Warum das nicht hinreicht, und welche Zusatzauskünfte Sarah Clarks Auskunft über den weiteren Verlauf geben kann, werde ich später besprechen. Hinsichtlich des zeitlichen Ablaufes müssen wir zunächst die Frage stellen: Hat das geheimdienstliche Briefing des Klinikpersonals am ab Montag 7:30 den Anlaß gegeben, ein militärisches Nervengift in Betracht zu ziehen?
Die Antwort ist unzweideutig negativ. Der Test dauert 10 Minuten, bei der gegebenen Dringlichkeit hätte dem ärztlichen Personal ab ca. 9:30 Uhr ein Ergebnis vorliegen müssen, falls ein Test Kit vorrätig war. Falls nicht, spätestens irgendwann am Mittag, nicht erst in der Frühschicht am Dienstag.

Dieser Punkt ist ein wichtiges Glied im Ablauf, weil das Verteidigungsministerium im März 2019, in Beantwortung einer Anfrage nach dem FREEDOM OF INFORMATION ACT, nicht mehr ermitteln zu können behauptete, wann genau eine Blutprobe gezogen wurde, in der Porton Down Nervengift – und später „Novichok“ – gefunden haben will und obendrein behauptet:

The timeline lists the blood samples arriving at the main Porton Down site at approximately 1845hrs on Monday 5 March 2018.

Zur Erinnerung: Das Briefing des MI6 begann am Montag um 7:30 Uhr und „gegen 10 Uhr“ soll der medizinische Notfall zu einem Fall für den Geheimdienst deklariert worden sein:

 … then by 10 am on that Monday morning it had been declared an external incident …

Neun Stunden bevor Porton Down nach Aussage des Kriegsministers eine Blutprobe zur Untersuchung erhalten hat. Mindestens 35 Std. lang, von der Einlieferung der Skripals bis 1-2 Stunden vor Beginn der Frühschicht am Dienstag, haben die Klinikärzte in Salisbury keinen Grund gefunden oder erhalten, anzunehmen, die Skripals könnten einem der einschlägigen Gifte ausgesetzt gewesen sein. Auch nicht aus Porton Down, wo man – spätestens – ab Montag 19:00 mit der Untersuchung befaßt war und obwohl es eine Sache von Minuten ist, anhand einer Blutprobe global festzustellen oder auszuschließen, ob eine solche Vergiftung vorliegt.

Daraus schließe ich:

Die Skripals sind bis zu ihrer Entfernung aus dem Bezirkskrankenhaus Salisbury nicht mit einem „Novichok“ vergiftet worden

Helmer teilt diesen strikten Schluß nur für die Zeit bis zur Frühschicht am Dienstag:

Also, it means there was no trace of ACE inhibition in the blood samples which had been taken by Clark and other nurses from the Skripals in the first 36 hours, the interval counted by Wilkinson.

Ich widerspreche ihm auf der Grundlage dessen, was ich im schon zitierten letzten Eintrag schrieb. Zusammengefasst:
Porton Down / das britische Außenministerium hätte kein Problem gehabt, der OPCW am 20. März vorhandene Proben zu übergeben, zusammen mit den eigenen Analysen, wenn es eine „Chain of Custody“ hätte vorlegen können, oder wollen, die eine Zuordnung zu den Skripals gerichtsfest zuläßt. Wir wissen faktisch und aus dem Bekenntnis der zuständigen Stellen, daß es solche Proben nicht gab, oder, falls es sie gab, sie im Sinne dieser Stellen verräterisch gewesen wären. Es mag sein, daß die Spuren des Giftes mit der Zeit degradieren, aber da sie nicht metabolisieren, wie in einem lebenden Organismus – von evtl. verabreichten Gegenmitteln zu schweigen – wären ältere Proben jedenfalls aussagekräftiger im Sinne der Anklage gewesen, als frische Proben, die man der OPCW  – angeblich oder wirklich – verschaffen wollte.
Da umgekehrt der physische und mentale Zustand Julia Skripals, dokumentiert ab dem 5. April, sicher ausschließt, daß sie kurz vor oder nach dem Gerichtsbeschluß zur Probenentnahme vom 22. 3. eine nennenswerte Attacke mit Nervengift erlitten hat, ist sie bis zu ihrer Entlassung am 9. April (und darüber hinaus, wie wir aus dem berüchtigten Geheimdienstvideo wissen) nie mit einem solchen Gift angegriffen worden, denn ein anderes Gift aus der Klasse zu nehmen, wäre zwecklos gewesen und eine vergleichsweise unschädliche Verdünnung eines „Novichok“ ist nicht erhältlich  1.

In einem zusätzlichen Strang seiner Darstellung und Argumentation untermauert Helmer die Annahme, daß die Skripals zum Beginn der OPCW – Untersuchung ab der dritten Märzwoche von dem initialen Angriff mehr oder minder genesen waren, mit Daten aus dem BBC-Film, dessen Präsentator Mark Urban ist, „an agent of influence of the Secret Intelligence Service (SIS aka MI6) employed by the state propaganda agency BBC; there, Urban is titled “Diplomatic Editor” (Helmer):

Urban has also hidden additional, if circumstantial evidence, of what medical treatment effected the recovery of the Skripals. “After a couple of weeks,” he says in the film,  counting between March 4 and March 18, “there were gradual but distinct signs of progress. The exact timing of that and details of the drugs given remains matters of medical confidentiality.” …
Acccording to Stephen Jukes, the doctor acting as the hospital’s intensive care consultant for the Skripals:  “I think we all agree we were exceptionally surprised, pleasantly suerprised to see the recovery happen, and at such a pace when it did begin to happen. That I can’t easily explain” …
In the time and event sequence of Urban’s film, the Skripals … were conscious and talking, and the hospital management was deciding what they were allowed to say.
…und zu hören, füge ich aus dem Kontext an …
Only then, according to Urban, “when international inspectors arrived in Salisbury to gather evidence of the poisoning, they needed blood samples from Yulia and Sergei Skripal. Once again, the staff decided they had to act on the patients’ behalf.”

Dann gab es die Revoltein deren Zentrum ich Dr. Blanshard vermute. Andere Beteiligte mögen den Hut, den ich davor ziehe, auf sich münzen.
Widerstand ist möglich, Leute.

Damit schließe ich für heute, ohne, wie weiter oben angekündigt, zu besprechen, welche Überlegungen und Schlüsse auf das initiale Geschehnis, das die Skripals in die Klinik beförderte, ich auf die Aussage der diensthabenden Schichtleiterin Sarah Clark gründe. (Fortsetzung: siehe Pinback-Kommentar)


  1. In meiner zeitgleichen Berichterstattung (auf meinem Hauptblog) hatte ich vor Julias Auftritt in dem Geheimdienstvideo unterstellt, sie sei eigens für die OPCW-Untersuchung mit dem „hochreinen“ Stoff vergiftet worden, den die OPCW-Labore in den übergebenen Blutproben aufgefunden haben (wollen). Ich mochte halt nicht unterstellen, die Blutproben seien von den Beauftragten der OPCW, der auch die Russische Föderation angehört, eigenhändig gefälscht worden. Genau das ist jedoch geschehen, wie wir heute wissen, denn Proben ohne eine gültige „Chain of Custody“ anzunehmen und weiter zu reichen ist eine solche Fälschung. 

Ein Kommentar zu „Neues zu Julia und Sergej Skripal

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