Russische Luftwaffe übernimmt den „Syrischen Fleischwolf“

(Bild: Schlacht um Daraa 2017)

Vor vier Tagen konnte es noch so scheinen, als nutze der Kreml seine NATO-Lizenz zur Bekämpfung türkischer Okkupationstruppen in Idleb wie von den Urhebern gewünscht – zur Demontage des „Rais“ zugunsten plegeleichterer türkischer Verbündeter, darunter Ehemaliger, wie dem Ex-Außenminister Davutoglu, der vor einigen Wochen aus der Versenkung erschienen ist, Widerstände gegen die Führerdiktatur in der AKP zu sammeln, ohne daß er von deren Bütteln kassiert worden wäre 1.

Zu dieser Zeit hatte die russische Luftwaffe robust die von türkischer Artillerie und Panzertruppen unterstützte Jihadi – Offensive auf den kürzlich von der SAA eroberten Ort Nayrab zurück geschlagen. Es gab türkische Opfer, die der Generalstab in durchsichtiger Verlogenheit der syrischen Armee anlastete.
Gestern hatte eine zweite Offensive Erfolg: Regime forces withdrew from the village with many casualties. AMN bestätigt das, reklamiert indes „150 getötete feindliche Kämpfer“ – eine immense Zahl für eine einzelne Schlacht gemessen an den Strategien des Abnutzungskrieges, die das syrische Kampffeld seit der Rückeroberung Aleppos dominieren.
Die Meldung von AMN hat eine Geschichte, die ich bezeichnend finde. Sie erschien schon gestern, wurde aber binnen Minuten zurück gezogen zugunsten eines schmallippigen Absatzes in einem anderen Artikel, in dem es hieß, die Kämpfe um Nayrab dauerten an. SANA blieb stumm, überschlug sich stattdessen mit Siegesmeldungen aus einer Region weit südlich, die Gebiete um Kafar Sijnah westlich der M5 zwischen Maarat al Numan und Khan Sheikun, wo sie anscheinend auf keinen nennenswerten Widerstand stieß.
Stattdessen huschen jetzt in den sozialen Medien „westliche“ wie „östliche“ Ratten aus den Löchern, Fake News zu verbreiten. Nayrab sei als Sprungbrett für eine massive türkische Offensive zur Rückeroberung Sarakebs ausersehen, die kurz bevor stehe, wie vom „Rais“ angekündigt.
Die Regierungszeitung Andalou stellt dagegen richtig: The city … occupies a strategic location on the junction between the M5 highway which links Damascus to Aleppo and the M4 highway which connects Aleppo to Latakia. Zugleich meldet sie die erneute Ankunft einer hochrangigen militärpolitischen Delegation aus Russland zu morgigen Gesprächen, in denen es, weit vor dem für den 5. März angekündigten, von russischer Seite aber m.W. nicht bestätigtem Vierer-Gipfel mit Macron und Merkel, darum gehen soll – mit Erdogans Worten – “(to) try to draw up our roadmap by negotiating with Russia at the highest level”.

Der Kreml möchte also definitiv vor einer eventuellen europäischen Einmischung – der sich zu verweigern er vielleicht für unklug hält – mit Erdogan vollendete Tatsachen schaffen, und dazu zählt der türkische Sieg über die SAA in Nayrab, den die russische Luftwaffe mühelos erneut hätte vereiteln können und der deshalb der syrischen Militär- und Staatsführung mit Hilfe einer unbestimmten Zahl syrischer Leichen die Blütenträume austrieb, sie könne unter russischer Deckung über kurz oder länger die Trasse Latakia – Aleppo genauso freikämpfen, wie die M5, unter identischer Berufung auf die uneingelösten türkischen Zusagen in Sochi, auf die sich der Kreml nach Gusto beruft oder sie mit Schweigen übergeht.

Warum die russische Luftwaffe dann vor drei Tagen am selben Ort eine türkische Armeeeinheit mehr oder minder symbolisch aufgemischt hat? Naja – man will halt nicht nur als der Bittsteller in einer Zwangslage auftreten, der man sich als ein russischer Beauftragter zur Wahrung von Regionalmachtinteressen im zerfallenden Imperium selbstbewußt ausliefert.


  1. Seit Beginn der Kämpfe in Idleb hat sich Davutoglu freilich weise wieder aus der Öffentlichkeit zurück gezogen. 

3 Kommentare zu „Russische Luftwaffe übernimmt den „Syrischen Fleischwolf“

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  1. Die aktuellen Meldungen, welche aus verschiedenen Quellen in halbstündigem Takt eine türkische Eroberung Saraqebs behaupten und dementieren, sind mit den politischen und militärischen Rahmendaten zum Schlachtfeld auf keine Weise vereinbar. Eine schlüssige Erklärung ergibt sich freilich, wenn man unterstellt, die Armeeführung Damaskus‘ arbeite mit hochrangigen Offizieren der russischen Expeditionstruppen daran, dem Kreml grünes Licht zu einem Vernichtungsschlag auf eine türkische Truppenansammlung abzunötigen.

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  2. For the record:

    Keine Luftunterstützung der Ru-AF für die Gegenoffensive der SAA auf Saraqeb, in das umgekehrt keine türkischen Truppen nachgerückt waren. Zu Lasten der Türkei entbehrlicher Jihadis und eigener Verluste hat die SAA sich die Lage zurück erobert, die Position eines militärpolitischen Pfandes gegen die RF unter dem Damoklesschwert türkischer Artillerie von Neuem einnehmen zu können.

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