Nach „Doppelflintenschuss“: NATO wird binnen Tagen in Rojava einmarschieren – updated(2)

Update:
Mit eintägiger Verspätung hat Mark Esper Stellung genommen.

“Clearly we believe any unilateral action by them (Turkey) would be unacceptable,” Esper told reporters traveling with him to Japan.
“What we’re going to do is prevent unilateral incursions that would upset, again, these mutual interests… the United States, Turkey and the SDF share with regard to northern Syria,” Esper said.

Das Statement will rhetorisch stark erscheinen, ist es de facto jedoch gegenüber den YPG’s, nicht Erdogan:

  • Abseits eines offiziellen Pressetermins bleibt es formell in einer Zwischenzone privater Meinungsäußerung und institutioneller Ankündigung.
  • Es übernimmt im politischen Kern das DoS-wording vom „gemeinsamen türkisch-amerikanischen Interesse“.
  • Es ergänzt letzteres um das erpresste kurdische Interesse an einer „Pufferzone“ auf syrischem Gebiet.
  • Das seitens der Türkei militärisch aufgezwungene kurdische Interesse ist die sachliche Referenz für Espers bekundete Entschlossenheit, irgend einer NATO-Invasion zuvor zu kommen (die wörtliche Bedeutung von „prevent“, das auch mit „verhindern übersetzt werden kann.)

Tatsächlich wurden die türkisch-amerikanischen Gespräche über eine türkische „Pufferzone“ im kurdischen Siedlungsgebiet östlich des Euphrat am heutigen Dienstag fortgesetzt – unter deutlich vermehrtem Druck auf die kurdische Verhandlungsposition.
Doch die halte ich für nicht weiter verhandelbar. Ich gehe nicht in die Details, weil ich mich eh nicht auf direkte Evidenz berufen kann. Erdogans Vorstoß ist allemal ein klarer Hinweis darauf, daß die Kurden nur noch mit neuerlichem Blutvergießen aus ihren Positionen zu werfen sind.
Ich habe daher vom Untenstehenden nichts zurück zu nehmen. Im Gegenteil, mit Espers Statement ist eine Alternative ziemlich deutlich aufgemacht: Entweder das Pentagon erhält die Erlaubnis, mehrere tausend Truppen neu in syrisch Kurdistan zu stationieren, oder Erdogan wird marschieren. In Jerusalem toastet man sich zu.

update2
Erdogan antwortete umgehend. Bei AFP ist nicht zu lesen, was AMN zitiert:

If Turkey failed to act now it would later “pay a high price,” Erdogan stressed, noting that Turkey’s security meant the security of NATO and the entire region.

Falls richtig zitiert, wäre dies die erste Berufung auf eine Ermächtigung durch die NATO zum beabsichtigten Kurdenkrieg, die mir unter die Augen kam. Falls Stoltenberg / der NATO-Rat darauf nicht reagieren, erhält solche Ermächtigung offiziellen Charakter.
update Ende.

Putin und Erdogan haben der syrischen Armee erneut eine Feuerpause in Hama verordnet, offiziell, um den „Extremisten“ Gelegenheit zur Räumung der „Deeskalationszone“ zu geben. Ich erinnere nicht, wie viele solcher „Waffenruhen“ Erdogan seit dem Astana-Aggreement letzten Oktober ignorieren lassen hat, aber vor etwa zwei Wochen gab es eine Veränderung – allerdings nicht in Hama, sondern Latakia. Dort zogen sich die regulären türkischen Truppen – d. h. die NATO – während der Feuerpause auf neue Linien zurück und erlaubten der russischen Armee und ihrem syrischen Kanonenfutter nach dem programmatischen „Scheitern“ der Vereinbarung, die teils neu eroberten, teils befestigten Positionen der irregulären türkischen Truppen unter beträchtlichen syrischen Verlusten zu säubern. Zur gleichen Zeit intensivierten die türkischen Regulären, also die NATO, ihre Scharmützel mit der SAA in Hama.
Warum jetzt die Wiederholung der Scharade?
Auch diesmal haben die türkischen Irregulären angekündigt, die Feuerpause zu ignorieren und die Kämpfe gehen weiter. Jetzt jedoch, darauf wette ich, wird die NATO sich ‚raushalten.

Parallel ließ der Lavrov aufhorchen, indem er vor Tagen gewaltig mumbelte, Amerikaner und Franzosen sollten sich gefälligst aus Rojava trollen. Warum muß der Kerl sich erneut zur Witzfigur machen? Weil NATO es aus Erdogans Munde befohlen hat.
Erdogans gestrige Ankündigung „jetzt“ in Rojava, genauer Tel Abyad, vor dem die türkischen Truppen seit Wochen zusammen gezogen werden, einzumarschieren, ist auch nicht die erste dieser Art. Bislang hat das Pentagon zu solchen Gelegenheiten ein oder zwei Tage später einen mehr oder weniger gönnerhaften Ordungsruf verlauten lassen, während NATO-Stoltenberg, dessen Vertragsaufgabe schon vor fast genau drei Jahren, anläßlich des türkischen Einmarsches im Bezirk Aleppo, darin bestanden hätte, dem türkischen Ausschluß aus der NATO auf die Agenda einer Ratstagung zu setzen, stumm blieb. Das State Department pflegte ebenso stumm zu bleiben, solange kein Journalist nachfragte, um sich programmatisch nichtssagende Distanzierungen von der Art und Weise servieren zu lassen, mit der die Türkei „legitime Interessen“ im War on Terra verfolge.

Nicht so dieses Mal: (update: Der Artikel von Ahvalnews ist komplett umgeschrieben worden.)

Die stellvertretende State-Sprecherin Morgan Ortagus erfüllte ihre Aufgabe als Verbindungsoffizier zur Presse, indem sie binnen zwei Stunden nicht auf Washingtoner Bühne, sondern ausschließlich gegenüber regionalen Medien (TASS eingeschlossen) „Dissens“ mit Erdogan verlauten ließ. Und wie! (Meine Hervorhebungen)

“We continue intensive discussions with Turkey on a safe zone (…) along the Turkey-Syria border. We believe this dialogue is the only way to secure the border area in a sustainable manner”, Ortagus told Ahval in an email.

“Any uncoordinated military operations by Turkey will undermine that shared interest.  Unilateral military action (…) is of grave concern”.

Wer die Nachrichten zur Region in den letzten drei Wochen verfolgt hat, weiß, das Weiße Haus hat andere NATO-Länder, Deutschland mit besonderem Nachdruck, aufgefordert, sich an der Besatzung Rojavas zu beteiligen, was die Bundesregierung ablehnte. Vor diesem Hintergrund ist die Pille, die Morgan Ortagus dem „Rest der Welt“ zu verabreichen beauftragt war, leicht zu identifizieren: State Department, eine NATO-Besatzung Rojavas wie auch immer wollend, steht bereit, eine türkische Absage an multilaterale Aktion unter „Bedauern“ und „Besorgnis“ zu akzeptieren.
Aus der diplomatischen in die militärpolitische Sprache übersetzt: Ortagus umgehende Aktion ergänzte Erdogans hitleristische Soldatenrede um ein Ultimatum Washingtons an die eigenen Leute. Sie sollen das vorgesehene NATO-Einmarschgebiet umgehend räumen – und werden dies tun.

Parallel erwarte ich, daß reguläre türkische Truppen ihre Positionen in Hama räumen werden, um der SAA einen neuen Phyrrussieg zu bescheren, den Putin dann einrahmen lassen kann, um ihn in der Duma und im Föderationskongress an die Wand zu hängen.

Was das mit dem „Doppelflintenschuss“ zu tun hat?

Was soll ich Leuten, die sich 30 Jahre lang weigern, den Kriegszustand der „Freien Welt“ zur Kenntnis zu nehmen, auch und erst recht, nachdem Bush junior ihn vor 18 Jahren unter dem Label „War on Terra“ ausrief, erklären wollen? Noch weniger, als Gates, Obama und andere mit Hilfe der Treasury und der Fed einen Gegenputsch gegen das Racket von 9/11 unternahmen, den ihr ehrfürchtig als „Finanzkrise“ behandeln wollt? Ihr wollt immer noch oder gar „jetzt erst recht“ in Kategorien nationaler Souveränität denken, der ihr euch als Kanonenfutter oder Werkssoldaten unterwerfen sollt und dies zu können vermeint und hofft. Ihr merkt nicht mal, daß Boris Johnson sich in der Eigenschaft eines Putschisten und Usurpators von England anschickt, Wales, Schottland und Nordirland neu zu erobern,  obwohl diese Tatsache mit dem kürzlichen parlamentarischen Votum gegen einen „No Deal“-Brexit offen zu Tage liegt. Ihr wollt nicht wissen, daß mit diesem Programm ein Krieg gegen Irland und ein Seekrieg mit der EU ins Haus steht – mit welchen Mitteln dieser Krieg immer ausgetragen werden wird.

Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, ein kürzlich von der DGAP veröffentlichtes Papier nebst einigen Veröffentlichungen des ECFR unter dem Titel „NATO: Politische Macht verzweifelt gesucht“ zu analysieren. Zwecklos, euch fehlen die elementaren zeitgeschichtlichen Kenntnisse. Wie solltet ihr da beim „Doppelflintenschuss“ darauf aufmerken, wie eine handelnde transnationale Elite einen Anschlag für Menschen von Stand unter der Verkleidung einer Pressemitteilung an die „demokratische Öffentlichkeit“ angebracht hat?
Er sagt: Wir wollen Trump behalten!
Er sagt: Noch ist nicht die Zeit für einen neuen US-Putsch.
Und damit indirekt: Unsere Basis sind nicht länger die Vereinigten Staaten von Amerika, die bekommen neue, andere Ziele und Zwecke.

Der Stand, der da handelt, dürfte vielen von euch von historischen Kriegen bekannt sein: Es ist der Soldatenstand, ergänzt um zivile Verwalter und Gouverneure. Doch heute sitzen die obersten Soldaten nicht weniger in Chefetagen transnationaler Konzerne und Vorständen von Finanzkapitalkonglomeraten, als in Kriegsministerien und Generalstabsquartieren.

Werbeanzeigen

4 Kommentare zu „Nach „Doppelflintenschuss“: NATO wird binnen Tagen in Rojava einmarschieren – updated(2)

Gib deinen ab

  1. An Leser, die mich nicht kennen

    Falls die NATO jetzt nicht „binnen Tagen“ marschiert, habe ich dann was falsch, habe ich einen Fehler gemacht?

    Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das wird man möglicherweise am tatsächlichen Vorgang erkennen können, wenn eines oder mehrere Elemente, die ich genannt habe – und weitere, die ich für mich behielt, weil ihre Darlegung langatmig gewesen oder voraussichtlich nicht verstanden worden wäre – dabei in Erscheinung treten. Dann – und nur so! – wären Bestandteile zu erkennen – oder mindestens Hinweise für ihre Ermittlung zu gewinnen – die ich mißachtet, falsch gedeutet / gewichtet oder in keiner Weise in Betracht gehabt oder gewußt habe.

    Aber mein Hauptgrund, mich regelmäßig weit aus dem Fenster zu lehnen, ist ein anderer.
    Von meiner Position fern der Entscheidungsebenen lasse ich mich verdammich nicht in eine Zaungast-, Hintertreppen-, Dienstboten- oder (gleich der Mehrheit der Journalisten) Ministrantenperspektive drängen, um dieselbe an ein Publikum weiter zu geben!

    Natürlich gibt es sachgerechtere Ausdrucks- und Darlegungsformen, die solche Perspektive vermeiden, ohne sich fiktiv auf die politische Entscheidungsebene zu begeben, aber die erfordern ein entsprechend sensibilisiertes oder jedenfalls nicht deformiertes Publikum. Hätte ich beispielsweise getitelt: „NATO all set for (new) invasion of Rojava“ spitzte das keines Hausschweines Ohren hinter dem Ofen. Das wißt ihr. Damit seid ihr seit Jahren vertraut gemacht. Ihr erwartet den Einmarsch, er ist euch schon ein guter Bekannter ..
    Stimmts?

    Liken

  2. In Aaron Steins gestrigem Kommentar:
    https://warontherocks.com/2019/08/the-crisis-is-coming-syria-and-the-end-of-the-u-s-turkish-alliance/
    hat man die Funktion der fiktiven Säulen seines Narratives zu wägen, um die Aussage zu entziffern. Beispielsweise die Unterstellungen, ein russisch-amerikanisches Einvernehmen über eine sog. „Zukunft Syriens“ oder eine Kapitulation der kurdischen Selbstverwaltung gegenüber Damaskus würden etwas an der NATO-Agenda ändern. Die Aussage: Israel und seine Freunde in der NATO bestehen auf einem amerikanischen Protektorat über syrisch Kurdistan zwecks Fortsetzung der Entstaatlichung Syriens, des Irak und des Libanon.

    Liken

  3. Eine unqualifizierte Anmerkung von mir:
    Die russischen Trompeten RT/ Soutnik blieben bislang recht still.
    Heute kann man in der Presseschau der TASS aus der Isvestia folgendes entnehmen:
    „The Turkish operation could even play into Russia’s hands because it would hamper the presence of the United States in northeastern Syria, he concluded.“ – zitierte Einzelmeinung eines „Experten“

    Liken

    1. Hallo Klaus-Peter,
      die Isvestia konnte kaum mitbekommen haben, daß die Amerikaner zur größten Freude des türkischen Kriegsministers erklärt haben, sie wollten und würden der türkischen Invasion voraus fahren – wenn man ihnen bitte noch ein wenig Frist einräume.
      http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-us-officials-resume-talks-on-syria-safe-zone-145591

      Ich arbeite an einem Hintergrundartikel dazu, der wohl morgen mittag fertig wird.

      Vorab folgendes zur russischen Position:
      Eine türkisch-amerikanische Besatzung Rojavas bringt die russische Garnison in eine sehr unbequeme Lage, denn mit ihr muß mehr oder weniger die Illusion entfallen, es ginge da um nationale Interessen und Belange, statt um transnationale, also das eigentümliche Betätigungsfeld der NATO. Der Titel „Wiederherstellung der Souveränität Syriens“ entfiele entsprechend und Russlands Garnison würde noch offenkundiger zum „russischen Gouvernorat Lattakia“.
      Gruß

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: